Herz des Mädchens

Prolog

1703

In einer Welt, in der das Leben sich noch an alte, magische Zeiten erinnerte, lag jenes Land im selben Königreich Fortegan. Nicht nur das Land trug Quellen der Energie in sich, die unbemerkt und unentdeckt jenes Leben beschützten. Auch die Amyie, die dort lebten, erstrebten im Schutz ihr Heimat Unsterblichkeit.

Jenes Land, bekannt unter dem Namen Thermia, offenbarte jedoch nicht nur das Gute. Auch das Böse war in jenem Land in die­ser Welt abseits von den Menschen, Seite an Seite mit dem Guten auf­gewachsen. So war es nicht verwunderlich, dass Gut und Böse in Zwie­tracht standen.

Es war einer dieser Tage, an denen das Böse gesiegt zu haben schien, als ein junger Mann, den man als das Gute ansah, an einem Tisch in jenem Land saß und mit versteinerter Miene einen feinen, gol­de­nen Ring zwischen seinen Fingern betrachtete.

»Sire, einen neuen Krieg zu beginnen, würde nichts nützen. Wen sollen wir angreifen? Wohin die Truppen schicken? Bekommen wir die Finanzierung vom König?«

»Mich interessiert die Finanzierung des Königs nicht! Ich will ein­fach nur, dass sie wieder hier ist. In Sicherheit. In Thermia.« Das Gold des Ringes in seiner Hand wog schwer bei dem Gedanken, er könne sei­ne Verlobte wohl nie wieder sehen. Nie wieder. Es wäre eine lange Zeit in der Unsterblichkeit.

»Sire, sie wird wiederkommen. Vertrauen Sie auf die Prophe­zeiung. Ihre Verlobte wird wiederkommen!«

Kommen wird, was lang verhasst,

und man wird sich erinnern, an was ist längst verblasst.

Hoffnung ward vergessen, Liebe ebenso,

Gleichgewicht der Macht entfloh.

Doch das Ebenbild wird richten,

zu Tode und die Kriege schlichten.

Wenn Feuer brennt in tiefster Nacht,

ein Mädchen wird herbeigebracht.

Kräftig liebt ihr menschliches Herz,

erbarmungslos ist ihr seelischer Schmerz.

Prophezeit ist ihr Untergang,

wenn ihre Zeit ist vergang´.

Aber Sire Darwyn Gyryf von Thermia in Fortegan vertraute nicht darauf. Er wusste, dass seine Schwester, Yuliya, alles unternehmen würde, sein Glück zu zerschlagen und seine Gräueltaten heimzu­zahlen. Zum Rache­engel erhoben, erschaffen aus Vergeltungswut, könnte sie geduldig sein und ebenso Jahrhunderte auf das Mädchen warten wie er, dem ersten unsterblichen Amyie und Sire aus Thermia.

Das Leben des Mädchens wäre gefangen zwischen der erwar­tungsvollen Trauer des Guten und dem Zorn des Bösen.

1. Kapitel

Lea

29. Januar 2013

Müde taumelte ich durch mein Wohnzimmer.

Wer auch immer so unerbittlich gegen meine Tür hämmerte, dass ich Sorge hatte, er würde sie einschlagen, ich hoffte, dass der­jenige eine gute Ausrede für die frühe Störung hatte. Ich gähnte herzhaft und blickte zur Uhr, doch der Zeiger und die Zahlen ver­schwammen vor meinem verschlafenen Blick.

Das Hämmern gegen meine Tür verstärkte sich. Genervt zog ich mir im Gehen einen Pullover über mein Schlafshirt und die Shorts ein wenig tiefer über meine Beine, bevor ich die Tür öffnete.

»Joun.« Erstaunt blickte ich meinen besten Freund an, der im Gegensatz zu mir hellwach war. Er stand mit erhobener Hand vor mei­ner Tür, als hätte er erneut zum Klopfen angesetzt.

»Ist es wahr?« Seine Stimme bebte vor Wut.

»Was … klar, komm doch rein«, grummelte ich und zog die Tür hinter ihm zu, als er sich, mich einfach beiseiteschiebend, Eintritt in mei­ne Wohnung verschaffte.

»Stimmt es, was sie sagen?« Ich erkannte, dass noch etwas ande­res neben seiner Wut in seiner Stimme mitschwang. War es Angst? Oder Hoffnungslosigkeit? Oder war es der Tonfall eines im Stichgelassenen?

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Joun. Verdammt, es ist früher Morgen und ich bin müde!« Ich gähnte wieder und ließ mich auf die Armlehne meines Sessels fallen, was er mit einem miss­billigenden Blick bemerkte. »Willst du mir nicht einfach sagen, was los ist, damit ich wieder in mein Bett kann?«

Ich warf der Uhr an der Wand einen zweiten, hoffnungsvollen Blick zu. Fünf Uhr.

Viel zu früh, um mich mit meinem besten Freund zu streiten.

Jedoch schien Joun nicht so, als würde er mir nur noch eine Sekunde des Schlafes gewähren, den er nicht benötigte. Als Amyie schöpfte er seine Kraft aus einem Dämmerzustand ähnlichem Ruhen, dem Dizi. Aber er konnte nicht wissen, dass ich meinen Schlaf brauchte. Verloren in einer Dimension, die sich das König­reich Fortegan nennt, lebte ich seit zwei Jahren in Thermia uner­kannt als Mensch. Und mitt­lerweile ist dort kein anderes Leben mehr, das ich mir wünsche.

Anders als bei den Menschen wurde ich als Sechzehnjährige res­pektiert, hatte einen festen Platz in einem freiwählbaren Leben. Ich hatte früh gelernt, mich zu verteidigen, stark genug zu sein und Freunde in den Clans und in meinem Trupp, den ich seit fast einem Jahr führte. Ich sehnte mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr nach der Menschen­welt. Die Magie, die mich von überall durchströmte, war ein Teil von mir geworden. Ich war eine Kriegerin, stark, schnell, ich kämpfte nicht mehr, sondern gewann, aber ich brauchte Gott verdammt nochmal meinen Schlaf.

»Ich will nur wissen, ob Sire Gyryf Recht hat!«

»Womit? Und gib dir keine Mühe, den bürgerlichen Respekt vor Darwyn zu wahren. Du bist genauso mit ihm befreundet, wie ich es bin.« Ich verschränkte meine Arme und ärgerte mich, dass ich keine So­cken angezogen hatte. Hätte ich gewusst, dass nur ein rasender Joun vor meiner Tür stehen und mir dumme Fragen stellen würde, wäre ich nicht mal aufgestanden. Aber dass ich gestern nicht bei dem Treffen der Anfüh­rer erschienen war, wie es meine Pflicht gewesen wäre, bereitete mir mitt­lerweile Sorgen, dass besagter Darwyn verärgert sein könnte. Ihm hätte ich sogar zugetraut, einen seiner Wächter zu beauftragen, meine Tür ein­zutreten, um mich vor seinen Thron zu schleifen. Freundschaft hin oder her, Ungehorsam duldete Darwyn dennoch nicht. Ich schaute gelang­weilt von meinen nackten Füßen auf. »Und? Was sagt unser Lieblingssire?«

Joun holte tief Luft. Sein Körper spannte sich an, als würde alles in ihm sich wehren, diese Worte auszusprechen und dennoch fragte er: »Bist du ein Mensch?«

Als würde das Blut in meinen Adern gefrieren, stockte mein Atem. Meine Finger gruben sich in meine Oberarme, wo meine Muskeln sich schmerzhaft verkrampften. Ohne zu atmen, verharrte ich in meiner Haltung.

Ich könnte ihm sagen, dass ich nicht wusste, wovon er sprach, einfach lachen und seine Frage verneinen. Aber genauso könnte ich seine Frage mit der Wahrheit erwidern. Wieso sollte ich mich weiter­hin ver­stecken? Ich hatte bewiesen, mehrfach, dass ich für Thermia einstand.

Ob Thermia meine Heimat war, würde ich nicht sagen können, doch mein Leben gehörte hierher.

Würde ich all dies verlieren, wenn ich die Wahrheit sagte? Oder wür­de das Leben einfach weitergehen? Ich wagte zu bezweifeln, dass die Amyie über mein Herz hinwegsehen könnten. Ihre Seelen waren ihnen zu heilig.

Gerade als ich beschloss, Joun anzulügen, weiterhin, ertönte mein Kommunikator, dass eine Nachricht eingegangen war.

Bevor Joun auf dem Display sehen konnte, griff ich selbst zum Kommunikator. Ich war nicht wütend auf ihn, aber das mühselige Ver­trauen, das wir über die Zeit gegenseitig aufgebaut hatten, brö­ckelte. Er war im Campus mein bester Freund sowie mein nächster Feind. Ich hat­te gewusst, dass ich mein menschliches Herz nicht ewig vor ihm verste­cken konnte. Aber ich hätte weit, weit weg sein wollen, wenn er es erfah­ren hätte. Joun würde nicht eine Sekunde zögern, sein Heimatland Thermia zu verteidigen. Für ihn bedeutete der Schwur, Land über Fami­lie, Sicherheit, dass Thermia mächtig bleiben würde.

»Wer schreibt?«, fragte Joun. Er klang genervt und angespannt. Er wollte noch immer eine Antwort.

»Darwyn«, sagte ich und legte den Kommunikator beiseite. Um ihn könnte ich mich sorgen, wenn ich mit Joun gesprochen hatte, dessen unmittelbare Nähe mich zwang, sofort eine Erklärung zu finden, die ihn beschwichtigen würde.

»Was will er?« Joun wirkte ungeduldig. So kannte ich den berech­nenden Krieger sonst nicht. Wenn man ihn nicht kannte, hatte er etwas Verstörendes an sich. Ich hatte diese Art zu schätzen gelernt. Jedoch jetzt war er nur bemitleidenswert.

»Weiß ich nicht, Joun.« Ich blickte ihm direkt ins Gesicht. Er verdiente die Wahrheit. Mich nicht direkt vor ihm fürchtend, aber nicht wissend, wozu er bereit wäre, mir anzutun, stand ich auf und trat vor­sichtig einen Schritt zurück. Irgendwo müsste ich meine Waffen gestern nach dem Training abgelegt haben. »Es tut mir leid. Ehrlich.«

»Was?«

»Ich wollte dich nicht verletzen oder sonst jemanden, aber versetz dich bitte in meine Lage. Ich war allein in einem unbekannten Land. In einer unbekannten Welt.« Noch immer erinnerte ich mich an meine Ungläubigkeit, als ich erfahren hatte, wo ich mich befand.

»Lea?« Jouns Stimme war ein tonloses Knurren. Er folgte langsam meinen sich entfernenden Schritten, was mich weiter zu­rück­weichen ließ. Wo waren meine Waffen? »Ist es wahr?«

Ich schluckte. »Es ist wahr.« Meine Stimme klang zittrig.

»Wann hattest du vor, es mir zu sagen?«

Nie. Obwohl es herausgekommen wäre, sobald man gemerkt hätte, dass ich immer weiter alterte und nicht die Unsterblichkeit im Alter von Mitte zwanzig erreichte. Jedem Amyie in Thermia war dies vergönnt, doch würde ich als Mensch nie eine Chance auf ein ewiges Leben be­kommen. Vielleicht wäre ich unentdeckt geblieben, wenn ich in eines der anderen Länder vom Königreich geflohen wäre, in denen die Amyie keine Unsterblichkeit besaßen. Jedoch hielt ich diesen verbitterten Ge­danken vor Joun verschlossen, denn ihn noch weiter von mir zu stoßen, wollte ich nicht riskieren. Obwohl seine kühle Distanz erträglicher wäre, als der Gedanke, dass Silias im Clan nicht von mir erfahren würde, wie sehr ich ausgerechnet ihn belogen hatte. »Ich muss mit Silias reden! Er hat ein Recht, es von mir zu erfahren.« Ich griff nach meinen Stiefeln. Mich erst umzuziehen, würde zu viel Zeit beanspruchen.

Doch Joun schien von dieser Idee nicht begeistert zu sein. Etwas in mir, das mehr war als eine reine Intuition, sondern eine natürliche Empathiebegabung, mahnte mich zur Vorsicht.

Gerade noch rechtzeitig wandte ich mich dem Krieger wieder zu, als er mich gegen die Wand rammte. Nicht vollkommen unvor­bereitet, dennoch verwundert, konnte ich mich nicht wehren, als er meine Hand­gelenke packte. Meine Handgelenke an der Wand fixierend griff er mit seiner freien Hand meinen Kiefer. Seine Finger bohrten sich schmerzhaft in mein Fleisch, so dass ich gezwungen war, ihn anzusehen. »Wann«, ich hörte, wie viel Beherrschung es ihn kostete, ruhig zu sprechen, »wolltest du mir davon erzählen?«

Nahm er an, es würde ihn stören, dass er davon nichts wusste? Ich zweifelte, dass ich in der Position war, ihm zu widersprechen. »Du tust mir weh!«, zischte ich, obwohl mein Herz raste und schmerzhaft in mei­ner Kehle pochte. Ich war nicht schwach. Ich hatte gelernt mich zu wehren. Doch Joun war stärker. Und während ich ihm niemals etwas antun könnte, war ich mir bei ihm nicht mehr sicher.

Joun stieß mich erneut gegen die Wand. »Ich will eine Ant­wort!«, fuhr er mich an, aber atmete dann tief ein. »Ich will dir nicht wehtun!«

Fassungslos starrte ich ihn an. Die Ironie seiner Worte im Gegensatz zu seiner Kraft, die er gegen mich einsetzte, schien ihm nicht bewusst zu sein. Im Hintergrund vibrierte mein Kommu­nikator aufgeregt. Wahrscheinlich hatte Darwyn hunderte Fragen an mich, doch ich könnte keine von ihnen beantworten.

Ich weiß nicht, wieso ich magische Energie besitze. Ich weiß nicht, wie ich nach Fortegan gekommen bin. Ich weiß nicht, wie ich alle über­zeugen konnte, dass ich eine Amyie sei.

Ich weiß es nicht und auch nicht, wie es nun weiter gehen sollte.

»Dann lass es«, sagte ich. Ob es die Ruhe in meiner Stimme oder die Tränen auf meiner Wange waren, Joun ließ mich los, ohne zurück­zuweichen. Ich spürte seinen bebenden Atem auf meinem Gesicht.

»Was willst du, dass ich tue? Was soll ich daran ändern? Was, Joun, was willst du?« Verärgert wischte ich meine Tränen fort und schob ihn dann mit beiden Händen auf seiner Brust auf Abstand.

Traurig schüttelte er seinen Kopf. Verzweiflung lag in seinen dunk­len Augen. »Dass dein Herz aufhört zu schlagen!«

Und so brutal seine Worte klangen, so verachtend und erbar­mungslos, so spürte ich im selben Maße, welchem Gefühl diese Worte entsprangen. Ob es Liebe oder Zuneigung war oder vielleicht einfach nur Angst, so war es dennoch ein Gefühl, dass ihn wünschen ließ, dass ich so sein würde wie er. Ohne Herz, mit einer inneren Sonne, die für mich brennen würde, damit ich nicht die Angst und die Qualen, allein für die grausame Wahrheit, dass ich anders war, ertragen müsste.

Ich hätte ihm gerne etwas gesagt, was ihm die Sorge genom­men hätte, doch das erneute Plärren meines Kommunikators ließ mich Joun ein knappes Lächeln zu werfen, ehe ich endlich den Anruf annahm.

Obgleich es relevant gewesen wäre, etwas zu sagen, bekam ich nicht die Gelegenheit dazu. »Bring deinen Trupp auf das Feld und dich selbst in Sicherheit! Ich will dich da draußen nicht haben!« Darwyns Stimme war schneidend, sodass ich vor Schreck beinahe den Kommunikator fal­len gelassen hätte.

»Was?« Ich war verwirrt.

Keinen Augenblick später zerriss das laute Schrillen des Alarms die mor­gend­liche Stille des Campus. »Lea!« Joun zog mich zu sich herum.

Ich hielt mir das andere Ohr zu, um Darwyns keuchende Stimme durch den Kommunikator zu hören. »Gerum greift an. Sie wollen das Ankerahnen, aber du hast da draußen nichts zu suchen«, keuchte Darwyn hektisch. Im Hintergrund hörte ich polternde Schritte. Den­noch fügte er beinahe tonlos hinzu: »Dein Herz würde diesen Kampf nicht überleben.«

Das Rasen meines Herzens setze aus, um im rasenden Trom­meln in meiner Brust zu toben. »Vergiss es! Ich habe oft genug meinen Kopf hingehalten. Gerum in den Allerwertesten treten zu können, ist Grund genug, es wieder zu tun. Du bist nicht der einzige Patriot!« Darwyns Antwort hörte ich bereits nicht mehr, als ich auflegend den Kommu­nikator auf das Sofa warf und meine Jeans griff. »Guck nicht so! Such lieber meine Waffen«, befahl ich Joun, als ich meine Shorts gegen die Jeans tauschte. Ich hatte keine Zeit, verlegen zu sein. »Sofort!« Endlich rea­gierte Joun und suchte meine Waffen zusammen.

»Wo willst du lang?«, fragte ich Joun, als dieser zur Tür ging.

Irritiert suchte er wohl nach den richtigen Worten, doch mir war bewusst, worauf er hinauswollte.

»Darüber reden wir noch!«, fuhr ich ihn an und öffnete das Fens­ter meines Wohnzimmers. »Vielleicht habe ich nur ein Herz, aber ich teile die gleiche Magie wie du und das wird sich nicht ändern.«

»Sie werden uns kommen sehen«, widersprach Joun.

Ich schwang meine Beine über den Fenstersims, wo die Kälte mir direkt entgegenschlug. Ich verschaffte mir einen Überblick über das Feld. Obwohl der Alarm erst seit einer knappen Minute schrillte, war der Großteil der Krieger bereits draußen. »Dann müssen wir wohl schneller sein.« Ich suchte nach einer guten Stelle zum Landen, bis er neben mir saß.

Dann stieß ich mich vom Sims. Die eisige Luft riss an mir. Sie trieb die Tränen in meine Augen, die ich den Kopf abwendend schloss. Es war ein stummer Befehl. Wie Gift, nur wärmer, zog er durch meine Venen. Ein Kribbeln erfüllte mich. Wäre es nicht berauschend, würde ich Schmerz empfinden, als mein Körper zu Staub zerfiel. Und nach einem viel zu kurz währenden Moment der Schwerelosigkeit fügte er sich zu einer neuen Gestalt zusammen. Ich schlug kräftig mit meinen Adler-schwingen und beschleunigte meinen rasenden Sturz in die Tiefe. Joun hatte recht. In der Luft wären wir ein zu leichtes Ziel.

Jouns Adlergestalt schoss an mir vorbei. Kurz bevor er auf dem Boden aufschlug, zog er herum. Er ließ sich einige Meter über den Boden gleiten, ehe er sich wandelte und in menschlicher Gestalt abrollte. Ich sah noch, wie er in einen Gerumkrieger hineinstolperte, dann musste ich meinen Flug abbremsen. Im Gegensatz zu ihm, konnte ich besser meine Magie konzentrieren als fliegen. Im Schutz einer Baumgruppe mich wandelnd, hob ich den Blick nach Joun suchend. Einen Moment überlegte ich, ob meine zweite Gestalt, der Wolf, mir helfen könnte, ihn aufzuspüren, als ich Joun entdeckte. Uns könnten nicht mehr feindliche Krieger trennen.

Missmutig zog ich mein Kurzschwert. Sie würden mich nicht ab­halten, zu Joun zu kommen. Lediglich das Gedränge würde mich auf­halten. Doch ich zögerte nicht, aus meinem vermeintlichen Schutz her­vor­zutreten. Geschickt wich ich einem Hieb eines etwa Gleich­altrigen aus, der zugleich einen Fluch auf mich richten wollte. Mit meiner Hand eine schwach glimmende Wand aus purer Energie vor mir erhebend riss ich mein Schwert in die Höhe. Ehe er realisieren konnte, wie es Muskeln und Knochen seines Armes zertrennte, durchstach ich mit einer zweiten Bewegung seinen Brustkorb. Ich schloss die Augen, als er zu Boden sackte. Eine Sekunde. Zwei. Sein Körper glitt von meiner Klinge und gab mein Schwert frei. Kämpfe, wenn du überleben willst.

Weitermachen.

Ich stieß eine Frau von mir. »Joun!«, rief ich, als mein Sichtfeld auf ihn frei wurde. Er wirbelte herum, zielte einen Fluch auf die Frau. Ich musste nicht kontrollieren, ob sie tot war. Einige von Jouns dun­kel­braunen, glatten Haaren hatten sich aus seinem zusammen­ge­bundenen Haarknäul gelöst. In wilden Strähnen peitschten sie durch sein Gesicht, auf dem bereits Blut und Schweiß zu erkennen waren.

»Der Trupp?«, fragte ich. Ich wurde an der Schulter gepackt. Zu­sammenzuckend drehte ich mich herum. Ich duckte mich rechtzeitig unter einem Schlag weg. Bevor ich mein Kurzschwert in die Höhe in seinen Leib stoßen konnte, sackte er vor mir auf die Knie. Angewidert richtete ich mich auf, als ich das in seine Schläfe getriebene Messer sah. Ohne hinabzusehen, zog ich es am Griff heraus und hielt es Joun hin.

»Habe ich noch nicht gesehen.« Joun wischte das Messer an der Schulter des Mannes ab und stieß ihn um. »Du bist zu langsam.«

»Ich wurde ja auch in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett geholt!«

An seiner gehobenen Augenbraue erkannte ich, dass es für ihn zu früh war, um darüber zu scherzen. Ich rollte mit den Augen und wandte mich um. Ob wir den Trupp finden könnten? »Achtung!«

Erschrocken versuchte ich noch den Ursprung des Rufes auszu­machen, als ein vibrierender Knall durch meinen Körper zog. Ich sah den von einer Explosion erfassten Körper, ehe er mich zu Boden riss. Auf­schreiend schlug ich gegen die Frau, um sie von mir zu schieben. Auch in sie kam Bewegung, als sie realisierte, dass wir nicht der glei­chen Seite angehörten. Blut stob sprühend zwischen ihren Lippen hervor, als sie meine offenen Haare packte. Wie ein Echo des Knalls erschütterte der Aufschlag auf dem Boden meinen Kopf. Sie kniete über mir. Ihr Bein drückte meinen rechten Arm in den matschigen Untergrund. Ich hielt gegen, als sie erneut meinen Kopf auf den Boden hämmerte. Das Brennen meiner Kopfhaut verriet, wie viele Haare sie mir ausriss.

All meine Wut in den erneuten Aufschrei legend riss ich meinen linken Arm hoch. So schnell wie möglich konzentrierte ich meine Energie. Ein einziger verfluchter Gedanke reichte, um sie von mir zu stoßen. Mit einem Schnaufen rollte ich mich über sie und zog ein Messer. Ich presste meine Hand auf die Spur, die die Klinge auf ihrer Kehle hinterließ.

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