Gespiegeltes Herz – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Amber

Prolog

Das Zimmer war in ein sanftes Halbdunkel getaucht, ein silbriger Schleier, der die Konturen der Möbel verschwimmen ließ. Vereinzelte Lichtstrahlen der Straßenlaternen kämpften sich durch den Spalt der Vorhänge, krochen über den Wollteppich, warfen tänzelnde Silhouetten an die Wände und verliehen dem Raum eine gespenstische Atmosphäre.

Es schneite.

Jeder Schatten wirkte wie eine vergessene Erinnerung, und das stetige Ticken des Weckers durchbrach die Stille. Die nächtlichen Straßengeräusche waren eine Mischung aus vorbeifahrenden Autos und dem Knirschen vereinzelter Schritte im Schnee.

Naomi schlief friedlich in ihrem kleinen Bettchen, dicht an meinem, zusammengerollt wie ein Kätzchen. Eine blonde Locke hatte sich in ihr Gesicht verirrt und bewegte sich im Takt ihrer Atemzüge. Ihr Daumen lag an den Lippen, ein vertrauter Anblick, der meinem Herzen jedes Mal einen Hüpfer entlockte. Einen von der Sorte, die einem ein Lächeln mitten in der Nacht ins Gesicht zaubern. Ihr warmer, weicher Duft nach Schlaf und Milch legte sich wie ein Schutzmantel um mich. Es war unglaublich, dass sie in wenigen Tagen ihr erstes Weihnachtsfest erleben würde.

Während ich ihrem ruhigen Atem lauschte und sie betrachtete, legte sich eine Welle der Zärtlichkeit über mein Herz, nur um im nächsten Moment in bleierne Erschöpfung umzuschlagen.

Ich war müde. Nicht nur körperlich, denn das war längst Routine. Es war diese andere Art von Erschöpfung, die viel tiefer ging. Die Verantwortung als alleinerziehende Mutter lastete schwer auf mir. Es war ein ständiger Drahtseilakt, mit einem Babyfläschchen in der einen und den Manuskriptseiten in der anderen Hand. Zeit war längst kein fließender Raum mehr, sondern ein ständiger Gegner.

Und selbst wenn der Tag endlich in die Nacht überging, fand ich nur wenig Erholung. Entweder weckte mich Naomis unruhiger Schlaf oder meine eigenen Gedanken. Sie kreisten in Endlosschleifen um all das, was noch zu tun war. Oder was ich vielleicht nie schaffen würde.

Und manchmal, mitten in dieser Gedankenflut, tauchte er einfach auf. Mateo. Seine Abwesenheit brannte wie ein Loch in meinem Herzen, das selbst nach all der Zeit nicht heilen wollte. Ich hatte ihn verlassen, weil ich dachte, es sei die richtige Entscheidung. Und trotzdem fühlte es sich immer wieder an, als hätte ich den größten Fehler meines Lebens begangen. Die Erinnerung an uns, an das, was gewesen war, glich einem feinen, schmerzhaften Schnitt unter der Haut, immer da und nie ganz verheilt.

Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle. Meine Augen brannten, ein Vorbote der Tränen, die ich so oft zurückhielt, um den Alltag zu überstehen. Bevor die Flut in mir überliefen, hörte ich ein leises, undeutliches Murmeln aus Naomis Bettchen nebenan. Es war kaum mehr als ein Laut, aber er riss mich abrupt aus meiner düsteren Welt.

Zärtlich streckte ich meine Hand durch die Gitterstäbe und strich ihr die blonde Locke aus der Stirn. Für einen Augenblick war alles still in mir. Und dennoch war da dieses winzige Unbehagen, das nie ganz verschwinden wollte. Eine stille Sorge, dass unser kleines Glück womöglich zerbrechlicher war, als ich es glauben wollte.

Ich atmete zittrig aus. »Alles ist gut«, murmelte ich leise. Mehr zu mir selbst als zu meiner Tochter. Ein Mantra, das ich in den letzten Monaten so oft wiederholt hatte, dass es sich fast wie die Wahrheit anfühlte. »Alles ist gut.« Ich hielt an diesem Satz fest, wie an einem Gebet, klammerte mich an seine Silben, als könnten sie mich vor dem Abgrund bewahren.

Als ich schließlich meine Augen schloss, wollte ich nicht nur vergessen, was war, was mir fehlte und was ich nicht kontrollieren konnte. Nein, ich wollte in eine Traumwelt flüchten, eine, in der alles so war, wie ich es mir immer erträumt hatte.