Gefesseltes Herz – Gefangen zwischen Liebe und Vernunft

Amber

Mitte November 2021

Ich drückte mein Gesicht tiefer in den weichen Stoff meines Schals, um dem beißenden Wind zu entkommen.

Die Temperaturen lagen im zweistelligen Minusbereich und der leichte Schneefall hüllte die Londoner Innenstadt in eine zarte Decke aus Puderzucker. Eine friedliche Stille lag über der winterlichen Szenerie, die nur durch das Knirschen von Schritten im Schnee unterbrochen wurde.

Normalerweise liebte ich den Winter und alles, was damit verbunden war, aber gerade war ich viel zu nervös, um diesen Anblick zu genießen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, während ich mich durch die belebten Straßen kämpfte. Je näher ich dem Hotel kam, desto ruheloser fühlte ich mich.

Denn es war so weit. Heute würde ich endlich den Shootingstar unter den Jungschauspielern interviewen: Mateo Thomas.

Meine Nerven lagen schon seit Tagen blank, denn bei so einer Gelegenheit nicht aufgeregt zu sein, schien unmöglich. Schließlich ging es um eine Chance, die mein ganzes berufliches Leben beeinflussen konnte.

Und dass das Interview im teuersten Hotel Londons stattfand, machte es nicht unbedingt angenehmer für mich. Wer dort verkehrte, war entweder hochbetagt oder gehörte zur High Society.

Beim Betreten der prächtigen Eingangshalle des Hotels begannen meine Beine zu zittern. Die warme Luft hüllte mich ein, und ich blieb staunend stehen, überwältigt von dem Anblick, der sich mir bot.

Die meterhohen Decken waren kunstvoll verziert und mit eleganten Kronleuchtern geschmückt, die ein dezentes Licht verbreiteten. Der Marmorboden glänzte so makellos, dass ich fast Angst hatte, ihn mit meinen schneebedeckten Stiefeln zu betreten. Jedes Detail, von den prachtvollen Verzierungen an den Türen bis zu den schweren Vorhängen, strahlte eine Exklusivität aus, die ihresgleichen suchte. Kein Wunder, dass man hier für eine einzige Nacht mehrere tausend Pfund bezahlte.

Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper in dieser Welt aus Glanz und Glamour. Mit einem tiefen Atemzug schob ich die Nervosität so weit wie möglich beiseite und trat zögernd an den Empfangstresen.

»Guten Abend, wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Dame mittleren Alters mit einem professionellen Lächeln, sobald sie mich bemerkte.

»Mein Name ist Amber Johnson.« Meine Stimme klang krächzend, und ich räusperte mich hastig. »Ich habe einen Interviewtermin mit Mr Thomas«, sagte ich und bemühte mich, ihr Lächeln zu erwidern. Doch es fühlte sich an, als würden meine Gesichtsmuskeln streiken.

Meine Finger schmerzten, derart fest umklammerte ich den Trageriemen meiner Handtasche. Anscheinend waren mir zwischen Eingang und Empfang meine Nerven gänzlich abhanden gekommen.

»Sein Management hat uns darüber informiert.« Sie wies mit ihrer perfekt manikürten Hand nach links. »Sie müssen mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage. Zimmer 325 ist es dann.«

Na klasse.

»Danke«, brachte ich mühsam hervor, verabschiedete mich von ihr und lief zu den Aufzügen.

Unruhig hüpfte ich von einem Bein auf das andere und wartete darauf, dass sich eine dieser silbernen Stahlhöllen öffnete.

Ich hatte solchen Geräten noch nie viel abgewinnen können, doch seit ich einmal eine ganze Nacht darin festgesteckt hatte, war das Thema für mich eigentlich erledigt. Doch was tat man nicht alles für die Karriere? Nach einigen Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten, ertönte ein leises Pling und die Aufzugtüren glitten lautlos auseinander. Zögernd trat ich ein.

Kaum hatten sich die Türen hinter mir geschlossen, schnürte sich mir die Kehle zu und eine unangenehme Enge breitete sich in meiner Brust aus. Die wenigen Augenblicke in diesem Monstrum kamen mir wie eine kleine Ewigkeit vor. Die Zeit schien beschlossen zu haben, mich zu quälen. Kaum war die gewünschte Etage erreicht, konnte ich nicht schnell genug aussteigen. Für wenige Sekunden machte sich in mir Erleichterung breit.

Bis ich mich daran erinnerte, warum ich hier war. Ein eisiger Schauer durchfuhr mich. Mein Blut rauschte laut in meinen Ohren, während ich mit zitternden Händen über den Stoff meiner Anzughose strich, um imaginäre Fusseln zu entfernen.

Beruhige dich, ermahnte ich mich in Gedanken.

Nur war das manchmal leichter gesagt als getan.

Suchend ließ ich meinen Blick über den langen, elegant gestalteten Flur gleiten, bis ich die Tür mit der Nummer 325 entdeckte.
Meine Beine protestierten, doch ich zwang sie, mich der massiven Tür aus glänzendem Ahornholz zu nähern. Dort angekommen blieb ich stehen, kniff die Augen zusammen und zählte innerlich bis zehn. Das half … zumindest ein wenig. Schließlich fasste ich mir ein Herz und klopfte.

Ich lauschte.

Schritte waren zu hören. Jede Sekunde schien sich endlos zu dehnen, bis die Tür langsam aufschwang.

Der Anblick von Mateo Thomas versetzte mich in Schockstarre. Das gedämpfte Licht des Hotelzimmers umspielte seine markanten Gesichtszüge und verlieh ihm etwas Verwegenes.

Verflucht, war er heiß!

Mateo war groß und breit gebaut, seine muskulösen Arme zeichneten sich deutlich unter den Ärmeln seines blütenweißen Hemdes ab. Seine Präsenz strahlte Selbstbewusstsein und Stärke aus. Es waren aber seine Augen, eisblau und von faszinierender Tiefe, die mich unweigerlich gefangen nahmen.

Ein angenehmes Kribbeln durchströmte meinen Körper, meine Wangen glühten, und mein Herz raste.

»Hallo, Sie müssen Ms Johnson sein«, begrüßte er mich mit tiefer, sonorer Stimme.

Als er auf mich zukam und mir die Hand entgegenstreckte, stieg mir sein verführerischer Duft in die Nase.

Schüchtern ergriff ich seine Hand und spürte die Wärme und Sicherheit seines festen, aber angenehmen Händedrucks. Das schelmische Grinsen auf seinen Lippen brachte mich völlig aus dem Konzept.

Seine Ausstrahlung, dieses Lächeln … verdammt, wie sollte ich die nächste Stunde nur unbeschadet überstehen?