Prolog
2033
Tränen rannen über ihr Gesicht. Das Salz brannte in den Wunden, die der Kampf hinterlassen hatte, doch sie kämpfte nicht mehr gegen die Tränen an. Sie ließ geschehen, dass diese Schwäche sie verließ und den Weg in die Welt fand.
»Dein Herz«, hatte ihr Bruder gesagt, »macht dich nicht schwächer als mich. Es ist deine Angst, die dich gefangen hält.« Er hatte sie angesehen. Hatte lange ihr Gesicht gemustert und schlussendlich ihre Tasche losgelassen, um sie gehen zu lassen.
Und jetzt rannte sie. Nicht etwa, weil Gefahr bestünde. Nicht, weil sie es eilig hatte. Es waren auch nicht die fremden Gefilde, die sie trieben.
Die Sonne schob sich über den Hügel und wollte das Tal zum Leben erwecken. Das Mädchen hielt inne. »Noch nicht«, keuchte sie und wollte weiter rennen, doch ihr Herz hämmerte einen wilden Rhythmus in ihrer Brust und ließ ihre Beine versagen. Sie stürzte, wo ihr goldenes Haar sich mit dem Schlamm des Bodens vermischte.
Ihre Hand griff nach ihrem Bauch. Mit einem Zischen sog sie die Luft ein, als sie den Schnitt ertastete. Unblutig. Nur schmerzhaft.
Keuchend sackte sie zurück. Ihr Brustkorb hob und senkte sich vor Schmerz viel zu schnell und viel zu flach. Sie könnte nicht bleiben. Doch als sie sich bewegen wollte, zuckten ihre Beine erbärmlich.
Ruhe. Schlaf. Nur einen Moment Erholung, doch als sie die Augen schloss, sah sie ihre Mutter und wieder kamen die Tränen der Fünfzehnjährigen auf.
Sie hasste sie nicht. Aber sie wollte sie nicht mehr lieben. Oft genug hatte sie ihre Mutter gebeten, zu bleiben. In Sicherheit. Nicht hinauszugehen. Sich eine andere Bürde zu suchen. Oft genug hatte ihre Mutter gesagt, dass sie wiederkommen würde. Und oft genug hatte das Mädchen das Leid in ihren Augen gesehen, wenn sie wieder nicht gefunden hatte, wonach sie seit Jahren vergeblich suchte.
»Was fürchtest du so sehr?«, hatte ihr Bruder gewispert und traurig ihr Gesicht umfasst.
Jetzt wusste sie es.
Doch jetzt lag Lie Meri Sal-Deana am anderen Ende der Welt, weit entfernt von ihrem Bruder und würde ihm keine Antwort mehr geben können. Trauer erschütterte ihren Körper und sie schrie gepeinigt auf, als das Schluchzen die Erinnerung an die Schläge der fremden Krieger gegen ihren Oberkörper wiederbelebte. »Ich werde sterben«, wimmerte sie und sehnte sich danach, zu ihren Eltern zurückzukehren, doch sie konnte nicht. Sie wollte sich nicht mehr fürchten. Aber Thermias Widerstand war nicht für Herzen, sondern Seelen gedacht.
Leise Schritte näherten sich ihr. Sie versuchte sich zu beruhigen, still zu sein. Doch sie hatte längst die Kontrolle über ihren Körper verloren. Wimmernd und stöhnend lag sie im kniehohen Gras und spürte, wie die Kraft ihren Körper verließ.
»Beruhige dich«, hörte sie die sanfte Stimme einer Frau ganz leise und nah.
Lie Meri schluchzte, stöhnte auf und versuchte dem Schmerz zu entweichen, aber er war überall in ihr. Der Kampf an der Seite ihrer Mutter, um ihr kostbares Leben zu retten, hatte seinen Tribut gefordert.
»Ganz ruhig, kleines Ding. Ich werde dir helfen.«
»Bitte tötet mich«, flehte Lie Meri. Sie wollte den Schmerz nicht mehr ertragen. Die Angst nicht mehr fühlen. Sie war schwach. Ihr Bruder hatte sich geirrt.
»Armes, kleines Ding.« Eine Hand legte sich auf ihre Brust und ertastete ihren Herzschlag. »Wie das Ticken einer Uhr. Vergänglichkeit. Fürchtest du es?«, seufzte die Frau und hockte sich hinter Lie Meri.
Sie konnte die Frau nicht sehen, aber die kühlen, weichen Hände strichen wie Windgeflüster über ihre Haare und ihr Gesicht, wischten die Tränen fort. »Wer seid Ihr?«, wimmerte sie tonlos.
Sie hörte ein leises Lachen. Die Hände strichen über ihre Arme. »Ich hätte nie gedacht, dass ich dich finde. Ich hätte nie gehofft, dass du so stark bist. Ich hätte nie geglaubt, dass du wie sie bist. So mutig. So unverbesserlich.« Die fremde Frau berührte die Wunde an Lie Meris Flanke, was sie gepeinigt aufschreien ließ. »So verletzlich.«
»Wer seid Ihr?« Lie Meris Stimme war schrill, aber viel zu leise, um um Hilfe rufen zu können. Selbst wenn, es hätte sie niemand gehört. Dort war niemand mehr. Selbst das Lager, an dem Lie Meri ihre Mutter zurückgelassen hatte, war mittlerweile zu weit entfernt. Erschöpft schloss sie ihre Augen.
»Ich? Ich bin deine Rettung. Ich werde dich unsterblich machen.« Die Frau seufzte und erhob sich. »Ich brauche dich lebendiger, kräftiger, besser als je zuvor. Als du je sein könntest. Du wirst einzigartig sein.«
Ein Schauer lief über Lie Meris Körper, als die Frau sich neben sie ins Gras kniete, aber sie würde es nicht schaffen, zu fliehen. Säuselnd flüsterte sie: »Ich werde dich retten. Du musst nur eine Kleinigkeit für mich tun.«
Lie Meri öffnete die Augen. Blinzelnd versuchte sie gegen die sich erhebende Sonne, etwas zu erkennen. Düstere Schatten erhoben sich über sie. »Was?« Ihr Herz raste und die Panik drängte den Schmerz zurück, wie um sie zu lähmen.
»Fürchte dich nicht«, flüsterte die Frau. Sie strich zärtlich über die Wange des Mädchens, dann beugte sie sich vor. Die Schatten umhüllten den Körper des Mädchens, sowie die Lippen der Fremden ihre berührten.
Das Mädchen versuchte zu schreien, sich zu wehren. Doch ein elektrisierendes Kribbeln breitete sich in ihr aus und lähmte sie. Aus entsetzt aufgerissenen Augen sah sie, die Schatten über ihr im Sonnenlicht gleißend schimmern. Prachtvolle Flügel, schneeweiß, glorreich, doch Lie Meri sah auch die Klauen, die sich schneidend in ihre Arme bohrten und sie hielten, um den schwachen Widerstand des Mädchens zu vereiteln. Ein Brennen, wie das Aufglimmen erstickender Glut im Feuer, trocknete die stummen Tränen in ihren Augen, während die Frau ihren Engelskuss beendete. Mit einem Lächeln schaute die Engelsfrau auf Lie Meri herab. »Ich will den Untergang deiner Mutter.« Fast schon grazil leckte sie sich über die Lippen, was Lie Meri mit trübem Blick blinzelnd beobachtete und ihrer Stimme willenlos lauschte. »Sei meine Hoffnung, meine Tochter, meine Waffe.« Lie Meri hörte sie kaum noch. Benommenheit machte sich in ihr breit. »Was fürchtest du jetzt, Engelskind?«
1. Kapitel
Lea
06. August 2033
Das Licht flimmerte in der Hitze des späten Nachmittags auf den Wiesen, in deren kniehohem Gras die warmen Sonnenstrahlen auf dem Fell des schwarzen Panthers glänzten. Flach auf der Seite liegend ließ er zu, dass der kleine Wolf unbeholfen über ihn hinwegkletterte, um den Pollen einer Butterblume nachzusetzen. Als einer der Pollen dem Raubtier in der Nase kitzelte, hob dieser zu einem Niesen den Kopf. Jedoch legte er ihn so gleich erschöpft ins Gras nieder, ohne dem kleinen Wolf, der quer über seine Flanke liegend den Pollen in der seichten Luftbrise davon tanzend hinterherschaute, Beachtung zu schenken. Nur der Mann, der einige Meter entfernt auf einem Felsen hockte, beobachtete das Spiel des kleinen Wolfes aufmerksam.
Ich musste lächeln, als ich das friedliche Schauspiel entdeckte und wäre am liebsten stehen geblieben, um es noch einen Moment länger zu genießen. Doch ich war bereits den ganzen Tag fortgewesen und wollte endlich Zeit mit meiner Familie verbringen. Bei meinem Näherkommen schaute der Panther wieder auf und sein Schwanz peitschte unruhig umher. Erst als er mich erkannte, legte er seinen Kopf wieder ab und ließ zu, dass der kleine Wolf seiner Schwanzspitze hinterher jagte.
Ich schlang meine Arme von hinten um den Hals des Mannes und drückte einen Kuss auf seinen Nacken. Er lächelte, hob seine Hand an meine Wange und strich zärtlich über sie, ohne den Blick von dem kleinen Wolf und dem Panther zu lassen. »Hallo, Kleines. Wie war es?«
»Silias, niemand fragt, wie es auf Arbeit war.« Ich setzte mich neben ihn auf den warmen Stein und legte mir seinen Arm um meine Schultern. Trotz der Sommerhitze genoss ich seine Wärme.
»Was wollte Nilal denn so unbedingt, dass du kurzfristig einspringen musstest?«
»Nichts Besonderes. Ich sollte mir ein paar Pferde für die Wächter anschauen und die Verträge unterschreiben.«
Silias schmunzelte. »War es nicht abgesprochen, dass du das wegen deiner Befangenheit nicht mehr machen sollst?«
»Was kann ich denn dafür, dass dein Clan die besten Pferde zum Verkauf anbietet?«
»Also hast du sie gekauft?«
Ich lachte und lenkte die Aufmerksamkeit des kleinen Wolfes auf mich. Doch sie währte nicht lange. Er sprang wieder auf den Panther, der ein Brummen von sich gab und ihn von sich schob. »Wie lange seid ihr schon draußen?« Ich sah dem Panther an, dass er erschöpft war. Noch immer strengte ihn an, seine Dämonen zu vergessen und hinauszugehen.
»Zwei Stunden. Wir können reingehen, wenn es dir lieber ist.« Silias griff nach seiner Tasche, jedoch fragte er, bevor er aufstand: »Was hatte Nilal denn Wichtiges zu tun, dass er das nicht selbst machen konnte?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Er hatte irgendetwas mit Darwyn zu besprechen. Ich durfte nicht mal zu den beiden, als ich ihm eben die Verträge bringen wollte.«
»Du konntest Darwyn nicht nach Lieme fragen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Aber ich kann ihn morgen beim Essen fragen, ob seine Wächter sie mittlerweile gefunden haben.«
Bevor Silias darauf eingehen konnte, hörten wir ein Fauchen und schauten beide auf. Der kleine Wolf sprang fröhlich von einer Pfote zur nächsten des Panthers und zwickte mit seinen scharfen Zähnchen hinein, um den Panther zum Spielen aufzufordern. »Latif, nicht so doll!«, sagte Silias. Der kleine Wolf schaute auf und leckte sich nachdenklich über seine winzige Schnauze, so dass Silias sich wieder an mich wandte. »Und wer hat mit dir die Pferde ausprobiert?«
Ich verdrehte die Augen. »Na, wer wohl? Attici.« Ich hob beschwichtigend eine Hand, ehe Silias sich beschweren konnte. »Er hat sich wirklich Mühe gegeben, sich zu benehmen. Es fiel nur eine einzige Anspielung innerhalb der vier Stunden!«
Ein Fauchen gefolgt von einem dumpfen Knurren ertönte. Erschrocken sprang ich auf und sah ich gerade noch, wie der kleine Wolf von der Pranke des Panthers weggestoßen wurde. Fiepend landete er auf der Seite. »Latif!« Ich griff den kleinen Körper, der sich in seine menschliche Gestalt wandelte und weinend seine Arme nach mir ausstreckte. Ihn in die Höhe hebend trug ich ihn zum Felsen. »Das kommt, wenn man nicht auf seinen Vater hört!« Ich strich sein verwuscheltes Haar aus seinem Gesicht und wischte seine Tränen fort, um zu erkennen, ob er verletzt war. Weder im Gesicht noch an seinen Armen war etwas zu erkennen. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du aufpassen sollst, wenn du mit Joun spielst? Du sollst ihn nicht beißen!«
»Lea.« Silias legte eine Hand auf meinen Arm. Leicht schüttelte er den Kopf. »Es ist nichts passiert. Er ist noch hier.« Erst seine Stimme in meinen Gedanken zu hören, die meinen Herzschlag beruhigte, ließ mich meinen rasenden Puls bemerken.
Ich stieß angespannt meinen Atem aus und fuhr mir durch die Haare. Doch das Stechen in meinem Herzen konnte ich nicht aufhalten, als mir bewusst wurde, dass ich meinem kleinen Sohn in meiner Sorge, ihn zu verlieren, nur noch mehr Angst machte.
»Ist schon in Ordnung. Geh zu Joun.« Silias lächelte mir aufmunternd zu, dann wandte er sich an unseren Sohn. »Was tut dir weh, kleiner Mann? Zeig mal her.«
Ich entdeckte den schwarzen Panther zusammengekauert neben einem kleinen Busch. Er zitterte und sein Atem ging schwer, während sein Schwanz wieder unruhig hin und her peitschte. »Joun?« Ich näherte mich vorsichtig, bis ich mich nur einige Schritte entfernt vor ihn hockte.
Er musterte mich misstrauisch. So oft waren wir in dieser Situation gewesen. So oft hatte ich diese Angst in seinen Augen gesehen. So oft hatte ich versucht, ihm diese Angst zu nehmen. Mittlerweile wusste ich es besser. Es genügte ihm, wenn ich hier saß und wartete. Ihm die Zeit zu geben, die er brauchte, um zu verstehen, wo er war und dass es nicht mehr das Verließ von Fortegan war und der Schmerz, den er gespürt hatte, nur ein Hauch dessen war, was er jahrelang ertragen hatte, war alles, was ihm half, für den Moment seine Angst zu besiegen. Die Erschöpfung, die darauf folgte, trieb ihn aus seinem Versteck und ließ ihn zusammen mit der Scham, dass er wieder nicht die unkontrollierbare Angst zurückdrängen hatte können, sich in seine menschliche Gestalt wandeln und den Blick senken.
»Lass uns nach Hause gehen«, wisperte ich und streckte meine Hand nach ihm aus.
Joun griff mit kaltschweißigen Händen nach ihr, ließ sich aufhelfen und zusammen mit Silias, der Latif auf seinen Arm trug, gingen wir in den Campus von Thermia, hinauf in die Wohnung, in der ich mit meinen Kindern und Joun lebte, seit dieser aus seiner Folter in Fortegan freigegeben wurde. Er sollte meine lebende Erinnerung daran sein, dass ich noch eine offene Rechnung mit dem König Fortegans hatte.
…
Coming soon!